Wie ich Honorarprofessor für Schärftechnik wurde

11.11.2017

Wie ich Honorarprofessor für Schärftechnik wurde

Der Mensch lebt nicht von Luft und Liebe allein. Von Zeit zu Zeit  muss auch ein gescheites Brot her …

Unter dieser Vorraussetzung betrat ich neulich am frühen Morgen eine Bäckerei. Ich kaufe mein Brot immer geschnitten, zum einen, weil ich es dann nicht selber schneiden muss, zum anderen, weil es mich immer fasziniert, wenn die Bäckereifachverkäuferin das Brot in ihr kleines Sägewerk legt und dann das Kreissägeblatt vor und zurück flitzt, um das Brot in Windeseile in verbrauchergerechte Portionen zu zersägen. Dann stelle ich mir immer vor, wie es wäre, wenn es bei uns im grossen Sägewerk genauso schnell gehen würde …

Doch die Bäckereifachverkäuferin in dieser Bäckrerei sagte zu mir: „Ich kann das Brot noch nicht schneiden. Es ist noch zu frisch und weich und würde nur zerfetzen.“
Ich sagte zu Ihr: „Gnädiges Fräulein, ich bin geboren, um zu forschen und Neuland zu betreten. Ich möchte sie höflich bitten, jetzt das Brot in das Sägewerk zu legen, damit ich schauen kann, was passiert. Ich werde den vollen Preis bezahlen, auch wenn das Brot hinterher zerfetzt ist. Die Fetzen werde ich zusammen mit der Wurst und dem Senf in einen Topf geben und das ganze dann mit den Händen essen. Damit könnte ich einen Beitrag zu einer bunten und vielfältigen Vesperpause leisten.“

Mancherorts ist der Kunde noch König, und die Bäckereifachverkäuferin ging daran, den Auftrag auszuführen. Nachdem sie die Maschine ausgeschaltet hatte, sagte sie: „So schlecht ist das Ergebnis  gar nicht. Ich glaube, das liegt daran, dass der Chef gestern ein nagelneues Sägeblatt eingebaut hat. Das ist noch total scharf.“

Ich sagte zu ihr: „Gnädiges Fräulein, auch das Brotsägen ist ein zerspanendes Verfahren. Das sehen sie an den Spänen, die sich in der Maschine befinden und die sie fälschlicherweise als Paniermehl bezeichnen. Die Schärfe der auftreffenden Werkzeugschneide ist nur eines von mehreren Parametern, die für die Schnittqualität ausschlaggebend sind. Dazu kommen noch Schnitt-, Span- und Keilwinkel des Sägezahns, Dicke, Umfang und Drehzahl des Sägeblattes sowie der Werkstückvorschub, der in diesem Fall allerdings nullkommanull beträgt, weil das Brot während des Zerspanungsvorgangs eine stabile Position eingenommen und diese nicht verändert hat. Um das Verfahren zu optimieren, empfehle ich ihnen, die Sägeblattdicke zu halbieren, die Drehzahl des antreibenden Motors zu verfünffachen und den Spanwinkel an jedem Sägezahn auf 17,5° runter zu feilen. Dadurch müssten sie ein Schnittbild erreichen, dass keine Wünsche mehr offen lässt.“

Die Bäckereifachverkäuferin lächelte etwas verlegen und sagte: „Da muss ich aber erst mal den Chef fragen.“

Es war noch eine Kundin in der Bäckerei, die sich bis dahin zurückhielt, aber dann freudestrahlend auf mich zu kam und sagte: „Sie hat der Himmel in diese Bäckerei geschickt !“
Ich sagte: „Aber nein, Gnädige Frau, nicht der Himmel, sondern der Hunger hat mich in diese Bäckerei geschickt.“  Die gnädige Frau lachte kurz und schrill, zog mich zu einem der Stehtische, spendierte mir einen Kaffee und sagte:

„Schauen Sie, es ist so:
Ich bin die Rektorin der Dualen Hochschule für Kochen und Backen. Es ist mir schon lange ein Dorn im Auge, wie unsere Studentinnen mit stumpfen Messern rum schnibbeln und mit stumpfen Sägen Steaks und Koteletts abtrennen. Deshalb sucht unsere Hochschule jemanden, der bereit wäre, sein umfassendes Fachwissen an die nachfolgende Generation weiter zu geben. Ich habe gleich gemerkt, dass sie eine Koryphäe auf dem Gebiet der Schärftechnik sind.
Könnten Sie sich vorstellen, als Honorarprofessor für Schärftechnik in unserer Hochschule tätig zu werden ?“

Ich sagte: „Gnädige Frau, seit Frau Dr. Merkel Bundeskanzlerin ist, kann ich mir alles, wirklich alles vorstellen.“

Die gnädige Frau lachte eine weiteres Mal kurz und schrill, schaute mich dann aber mit ernster Miene an und sagte: „Ihnen wird hoffentlich bewusst sein, dass es für diese verantwortungsvolle Tätigkeit besondere pädagogische Fähigkeiten braucht.“

Ich sagte: „Gnädige Frau, meine pädagogischen Fähigkeiten -ich darf es in aller Bescheidenheit anmerken- übertreffen meine fachlichen Kompetenzen bei weitem.“

„Wunderbar“, sagte die gnädige Frau. „Sie werden ab sofort immer montags früh die erste Vorlesung halten, damit unsere Studentinnen die Woche über scharfes Besteck und Werkzeug zur Hand haben. Ich erwarte Sie also am nächsten Montag um 11:30 Uhr.“

Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, es muss erst mal das Geld her, um es kaufen zu können.
So ein Professor zieht Kohle ohne Ende, und deshalb begab ich mich am nächsten Montag zur Hochschule. Mir war bewusst, dass Bildung nur funktionieren kann, wenn von Anfang an klar ist, wer der Barthel ist und wo er den Most holt. Ausserdem stand in meinem Lehrauftrag, ich hätte die Aufgabe, junge Menschen auf ihre Zukunft vorzubereiten. Unter dieser Voraussetzung betrat ich Punkt 11:30 Uhr den Hörsaal, worauf mir ein vielstimmiges „Guten Morgen“ von den Studentinnen entgegen schallte. Ich sagte:

„Ich gehe davon aus, das ich diese beiden dunkeldeutschen Worte aus völkischen Zeiten heute zum letzten Mal gehört habe. Um so mehr freut es mich, dass wir uns als vorbildliche Demokraten darauf einigen konnten, in Zukunft folgende Begrüssungsformel zu verwenden :

Lang lebe die Bundeskanzlerin, die Deutsche Vielfältige Republik, unsere Duale Hochschule und unser Honorarprofessor !

Im weiteren Verlauf meiner ersten Vorlesung erzählte ich was über Werkzeugstahl, Metalllegierungen und den ganzen Schrott. Damit die Pädagogik nicht zu kurz kommt, gab ich den jungen Menschinnen zum Schluss noch einen guten Ratschlag mit auf den Weg. Ich sagte:

„Mädels !!   Wenn ich etwas nicht ausstehen kann, dann ist es Stumpfheit. Deshalb ist es dringend geboten, dass ihr schärfer werdet, wenn ihr gute Noten von mir haben wollt.“

Als ich bei meiner zweiten Vorlesung nach der Begrüssungsformel in den Hörsaal schaute, stellte ich fest, dass die schwarzen Hosen noch enger und die Push-up`s noch upgepushter waren als in der ersten. Ich sagte:

„Mädels !!    Ihr habt mich falsch verstanden. Ich meinte die Schärfe des Verstandes. Ein scharfer Verstand lässt auch seinen Körper nicht verkommen. Fresst nicht so viel Schokolade, dann werdet ihr auch nicht fett.“

Damit hatte ich den pädagogischen Teil bereits zu Beginn der Stunde erledigt. Im weiteren Verlauf ging es um Abziehsteine. Ich sagte:  „Damit ein Messer seine endgültige Schärfe erreicht, kommen Abziehsteine zum Einsatz. Dabei führt euer rechtes Handgelenk die gleiche Bewegung wie bei einem handjob aus, nur das ihr in dem Fall einen Abziehstein in der Hand habt. Wie beim handjob auch wird ein Zusatzstoff verwendet, um übermässige Reibung zu verhindern. Beim Arkansas und Mississippi nehmen wir Öl, bei einem belgischen Brocken nehmen wir Wasser.
Ja bitte, eine Zwischenfrage … nein, ein belgischer Brocken ist kein Mann, ein belgischer Brocken ist ein Abziehstein …

Bis zum Ende der Stunde trainierten wir alle noch unser rechtes Handgelenk. Nach der Vorlesung wollte ich endlich Butter bei die Fische sehen und ging ins Büro zur Frau Hochschulrektorin. Ich sagte:

Lang lebe die Bundeskanzlerin, die Deutsche Vielfältige Republik, unsere Duale Hochschule und unsere Hochschulrektorin !

„Gnädige Frau, ich erlaube mir hiermit, Ihnen meine Kostennote vorzulegen. Für eine Koryphäe wie mich halte ich einen Stundensatz von 350 € für angemessen.“
Die gnädige Frau lachte kurz und schrill und sagte: „Sehr geehrter Herr Honorarprofessor, da haben Sie etwas falsch verstanden. Sie arbeiten hier für die Ehre und Würde, sich Professor nennen zu dürfen. Eine finanzielle Vergütung ist nicht vorgesehen.“

Ich sagte: „Sie meinen, ich bekomme nix, nada, niente, nullkommanull … nicht mal ein paar Tomaten aus dem Gewächshaus der Hochschule ?“

Die gnädige Frau lachte ein weiteres Mal kurz und schrill und sagte: „Ich bin mir sicher, dass ein aufgewecktes Kerlchen wie Sie Mittel und Wege finden wird, diese Ehre und Würde für ein Vorankommen in seinem Brotberuf nutzbar zu machen.“

Dumm gelaufen. Aber der Vertrag war unterschrieben und der Lehrbetrieb und der Brotberuf mussten weitergehen …

Ein paar Wochen später war ich wieder in der Bäckerei und stand in der Warteschlange, als mir plötzlich jemand von hinten auf die Schulter klopfte und sagte:  „Guten Morgen, Herr Honorarprofessor !“  Ich drehte mich um. Es war die Frau Hochschulrektorin. Ich sagte:

Lang lebe die Bundeskanzlerin, die Deutsche Vielfältige Republik, unsere Duale Hochschule und unsere Hochschulrektorin !

Ich zog sie zu einem der Stehtische, spendierte ihr einen Kaffee und ein grosses Stück Schokoladentorte und sagte:

„Gnädige Frau, ich möchte mich dafür entschuldigen, dass ich einer Dame, die meine Ehre und Würde vermehrt hat, zum Dank dafür auch noch eine Rechnung gestellt habe. Das war sehr unanständig und sexistisch von mir. Wie könnte unser soziales Gefüge dauerhaften Bestand haben, wenn wir nicht gegenüber den Grossen grosszügig und gegenüber den Kleinen kleinkariert wären ?  Für Leute  von unserem Stand und Bildungsgrad sind Ehre und Würde doch das einzigste, was bleibt, wenn alles andere schon längst die Scheissgasse runter gegangen ist.“

Die gnädige Frau lachte kurz und schrill und bestellte sich noch ein Stück Schokoladentorte.
Ich sagte:

„Unser Sägewerk hat -ich darf es in aller Bescheidenheit anmerken-  auf meine Anregung hin den Holzmarkt mit einem neuen und innovativem Produkt bereichert. Wir nennen es  Akademisches Bauholz®  

Dabei handelt es sich um Bauholz, das eine Qualitätsoptimierung erhalten hat, indem es von den Händen eines Professors berührt wurde. Pro Balken verlangen wir jetzt 10 € mehr, die meinem Konto gutgeschrieben werden. Unsere wöchentliche Produktionskapazität von 1000 Balken reicht fast nicht mehr aus, um die Nachfrage zu befriedigen. Die Kunden reissen uns unser Akademisches Bauholz® förmlich aus den Händen. Sie sind felsenfest davon überzeugt, dass ein Haus oder eine Lagerhalle niemals einstürzen wird, wenn Bauholz verwendet wird, bei dessen Herstellung ein Professor seine Finger im Spiel hatte.“

Die gnädige Frau bestellte sich noch ein grosses Stück Schokoladentorte und sagte freudestrahlend:
„Sehr geehrter Herr Honorarprofessor, Sie hat wirklich der Himmel an unsere Hochschule geschickt !“

Ich sagte: „Aber nein, gnädige Frau, es war nicht der Himmel, es war der Hunger nach Ehre und Würde, der mich geschickt hat.“  Die gnädige Frau lachte ein weiteres Mal kurz und schrill, bestellte sich ein weiteres Stück Schokoladentorte und sagte:

„Schauen Sie, es ist so:
Unsere Hochschule hat den gesetzlichen Auftrag, die Studierenden optimal auf die Zukunft vorzubereiten. Könnten Sie sich eventuell vorstellen, wöchentlich eine weitere Stunde ihrer kostbaren Lebenszeit zu opfern, um der nachfolgenden Generation zu vermitteln, worauf es wirklich ankommt im Leben ?

Wir suchen nämlich noch dringend einen Honorarprofessor für Profitmaximierung …


 

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