Die Märklin-Therapie

09.03.2017

Die Märklin-Therapie

Ein wahrer Menschenfreund will bessern, nicht bestrafen …

Es gibt nun mal Zeitgenossen, die mit dem grössten Vergnügen ins pralle Leben hinein planen. Natürlich immer ins Leben anderer. Das ist weniger anstrengend als ins eigene, und im Idealfall trägt der andere dann die Folgen und die Kosten von so einem Manöver. Der Idealfall tritt in der Regel ein, wenn kommunale Administranten gestalterisch tätig werden. Ausgestattet mit Behördenbriefpapier und der städtischen Rechtsschutzversicherung beginnen sie einen Feldzug gegen alles und jeden, der nicht willens oder in der Lage ist, mit ihnen den Gipfel der Stadtsanierung zu erklimmen. Dort oben ist die Luft kalt und dünn, doch der Ausblick ist grandios und die Ernennung zum Ehrenbürger ist zum Greifen nahe …

Das ist so, war so und wird immer so sein, solange das Wasser bergab fliesst und die Sonne im Osten aufgeht. Deshalb bringt es auch nix, solche Leute anzuzeigen. Die Gefängnisse sind ohnehin überfüllt. Es gilt, eine sozial verträgliche Möglichkeit aufzuzeigen, mit der solche Leute ihre Triebe ausleben können.

Aus ähnlichem Anlass wurde für Leute mit gewissen Trieben die lebensgrosse Gummipuppe mit Körperöffnungen erfunden, und ich bin froh und stolz, hier und heute die von mir speziell für Löffinger Administranten entwickelte „Märklin-Therapie“ präsentieren zu dürfen.

Es ist ganz einfach :

Im Keller des für 5 + x Millionen € sanierten Rathaus von Löffingen wird in einem speziell dafür vorgesehenen Therapieraum die gesamte Stadt Löffingen im Maßstab HO = 1:87 nachgebaut. Dafür muss natürlich zuerst einmal in die entsprechende Infrastruktur investiert werden. Aber das ist ja im reellen Leben auch nicht anders …

Bei „Märklin“ denkt man immer nur an Lokomotiven und Gleise und Waggons.
Doch diese Firma hat auch die dazu gehörigen Gebäude, Brücken, Bäume und Autos in ihrem Angebot. Bei der Stadt Löffingen kann man ja auch Blumen, Tomaten und Sondernutzungserlaubnisse kaufen. Nur wer breit aufgestellt ist wird die Zukunft meistern können …

Es gibt sogar Menschenfiguren als Zubehör. Mehr Realitätsgehalt geht nicht, denn in Löffingen 1:1 sind die Menschen auch nur Zubehör …

Ich denke mal, für 20.000 € bekommt man ein prima Starter-Set mit allem Schnickschnack, auch für den wirklichkeitsnahen Stadtbetrieb. Diese Infrastruktur kann aus der Portokasse des Rathaus bar bezahlt werden. Man muss also gar nicht 21.000.000 € Schulden machen, damit sich Planer ausleben und verwirklichen können. Nebenbei gesagt, 20.000 sind ein Promille = 1 Tausendstel von 20.000.000. Das nenne ich dann wirklich mal einen grossen Batzen Geld gespart …

Morgens um 8 Uhr werden die Meister der Bürger und des Stadtbaus in den Keller hinab geleitet, wo sie sogleich mit der Umsetzung ihrer Kreativität beginnen können. Sicherheitshalber könnte man den Raum abschliessen und den Schlüssel bis 17 Uhr verwahren, aber ich glaube, die Planer werden von ihrer neuen Spielwelt so fasziniert sein, dass sie gar nicht mehr rauf wollen. Vielleicht bleiben sie sogar das ganze Wochenende unten, denn die Handlungsspielräume im Rahmen einer Märklin-Therapie sind atemberaubend und unbegrenzt. So leicht lässt sich der Wunschtraum von der eigenen Stadt erfüllen. Vom präzisen chirurgischen Eingriff in das Stadtbild bis hin zum grossen Rundumschlag ist alles möglich. Anything goes … alles kann, nix muss

Beispiel :

Ein Besitz- und Handlungsstörer hat rechts- und verbotswidrig sein blaues Fahrzeug an einer Stelle abgestellt, wo es den ordnungsgemässen Betrieb der Stadt behindert.

Der Eingriff erfolgt mit einem Griff, und das Problem ist gelöst. Man braucht nicht mal einen Gabelstapler.

Es entsteht kein Rechtfertigungsdruck und keine Verwaltungskosten. Strafanzeigen sind nicht zu erwarten. Im Gegenteil, mit dem optional erhältlichen Zubehör kann man sogar die Verhaftung des Besitz- und Handlungsstörers nachstellen

Weiters Beispiel :

Angenommen, das Haus rechts unten ist in den Sichtbereich der Planer geraten.

Vielleicht pflegt der Bewohner einen anderen Lebensstil oder er hat eine andere Weltanschauung. Vielleicht hat er mal dem Stadtbaumeister widersprochen und Kritik an ihm geäussert. Oder er ist einfach nur ein blödes Arschloch, das verschwinden soll, weil er den Planern voll auf den Sack geht. Das ist völlig egal. Es braucht keinen Gemeinderatsbeschluss und kein Räumungsurteil vom Amtsgericht. Es braucht nur einen mutigen, verantwortungsbewussten und entschlossenen Administranten, und das Ding ist weg

Zu den vielen Optionen bei einer Märklin-Therapie gehört nicht nur das Wegnehmen, sondern auch das Hinzufügen. Man kann nahezu alles zum Stadtbild hinzufügen. Ein Rathaus, einen Bauhof, eine Biogasanlage, ein Blockheizkraftwerk, eine Bedarfsunterkunft, einen Wertstoffhof, einen Asphaltgranulathaufen …

Eine Genehmigung der oberen Baurechtsbehörde ist nicht nötig. Die Planer könnten eine Bedarfsunterkunft sogar direkt neben einem Kindergarten oder einer Mädchenschule errichten, ohne dass sich eine Bürgerinitiative gründen würde. Bei einem Asphaltgranulathaufen muss man nicht mehr drauf achten, dass man ihn an einer bereits verseuchten Stelle lagert, um hinterher die Verseuchung durch den Asphaltgranulathaufen mit der vorher schon vorhandenen Verseuchung rechtfertigen zu können.

Die Grösse des Asphaltgranulathaufens kann nur durch die Raumhöhe begrenzt werden.

Weil es sein kann, dass in der Umgebung des Haufens das Zubehör umfällt, wird der umsichtige Administrant ein Krankenhaus und einen Friedhof in die Nähe positionieren, um minimale Transportwege zu erreichen, denn wie im realen Stadtbetrieb sind durch unnötige Transportwege oder einen Asphaltgranulathaufen entstandene Abgase und Emissionen gar nicht gut für das Zubehör …

In einem extra dafür vorgesehenen Bereich im Therapieraum können die für den Stadtbetrieb notwendigen Gebäude in Eigenleistung hergestellt werden.

Ich glaube, die mit Plastiksäge und UHU zusammengepfriemelten Bauwerke würden länger halten als ihre Kollegen im Maßstab 1 : 1…

Um den Realitätsgehalt noch zusätzlich zu erhöhen, könnte alle 6 Wochen der Gemeinderat im Therapieraum vorbeischauen und die Projekte einstimmig abnicken. Es wäre auch sinnvoll, wenn der Amtsarzt die Genesungsprozesse mit Rat und Tat begleiten würde. So könnte es gelingen, über Jahre oder Jahrzehnte hinweg wieder ein Gespür für Machbarkeit, Menschlichkeit und Finanzierbarkeit bei den Löffinger Administranten herzustellen. Das Ziel muss sein, die zu Therapierenden zurück in die Realität und in die Gesellschaft zu führen.

In einem freien und sozialen Land muss es möglich sein, dass auch solche Leute ihre Neigungen ausleben können, wenn die Allgemeinverträglichkeit und eine Kostendeckelung gewährleistet sind.

Die Firma Ratiopharm hat es vorgemacht :  Gesundheit und Wohlbefinden muss nicht teuer sein

In diesem Sinne :

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