Der Sonnenwinkelkönig

16.10.2016

Der Sonnenwinkelkönig

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Es war einmal …

… ein kleines Königreich hinter den hohen schwarzen Bergen bei den vier Zwergen.
Wegen der ausgezeichneten Tomaten im königlichen Gewächshaus war es weit über seine Grenzen hinaus als „Tomatistan“ bekannt. Dem König aber war dies unangenehm, hatten doch des Königs Untertanen das Gewächshaus bezahlt, jedoch die Tomaten wurden vom König ganz alleine aufgefressen. Oder von einem seiner Vasallen. Man weiss es nicht so genau …

Jedenfalls war der König ein grosser Verehrer der Sonne und des Sonnenkönigs in Frankreich, und so beschloss er eines Tages zusammen mit dem königlichen Fremdenverkehrsamt, sein Königreich „Sonnenwinkel“ zu nennen. Wenn also ein Reisender an einem strahlend schönen Herbsttag in Neustadt die Postkutsche bestieg, um mal richtig im Sonnenwinkel die Seele in der Sonne baumeln zu lassen, tauchte er ab der Rötenbacher Senke in einen dichten undurchdringlichen Nebel ein, und wenn wenige Kilometer später das Schild der Tamoil-Postkutschenstation auftauchte, kaum zu erkennen vor lauter Nebel, obwohl es doch unmittelbar neben der Pferdebahn stand, dann wusste der Reisende, dass er die Hauptstadt des Sonnenwinkels erreicht hatte

sonnenwinkel2Die Barden und Bänkelsänger der Gegend erzählen sich am Lagerfeuer die Geschichte, dass der Nebel daher kommt, dass die Untertanen im unterworfenen Fürstentum Unadingen immer gleichzeitig ihre Häuser lüften, was man aber ins Reich der Fabel verweisen muss.
Auch liegt er einzige Badesee weit und breit auf der Gemarkung Bräunlingen, aber Fremdenverkehrsämter flunkern genauso gerne wie Märchenerzähler, und wir wollen jetzt mal den Nebel des Vergessens darüber ruhen lassen …

Allerdings berichtet ein Historiker, dass es mit der Ruhe und der Idylle und dem Charme im Sonnenwinkel vorbei war, wenn ein Untertan oder seine Behausung in die Ungnade des Sonnenwinkelkönigs oder eines seiner Ritter der Tafelrunde gefallen war. In so einem Fall wurde der Ritter Mietmaul beauftragt, ein Held ohne Schwert, aber mit Tintenfeder und Redefluss, und für ein paar Silberlinge hätte jener vor Gericht sogar den heiligen Petrus aus dem Himmel in die Hölle hinunter geschwätzt, nicht ohne ihn zuvor ausgiebig mit seinen Schriftsätzen zu foltern …

Eines Tages begab es sich, dass der Hofnarr vor den Sonnenwinkelkönig trat und ihm den Vorschlag machte, man könnte doch die Häuser der Untertanen mit Wärme  aus Kuhfladen und gemähtem Gras beheizen. Dazu bräuchte es Feuerstätten, von denen aus die Wärme in unterirdischen Rohren zu den Häusern geleitet werde, aber er, der Hofnarr, habe Leute mit Schaufeln an der Hand, die ihn an der Hand hätten, und jetzt bräuchte es nur noch Geld von Leuten, die er, der Sonnenwinkelkönig, als ehemaliger Geldwechsler an der Hand hätte und die ihn an der Hand hätten, damit alle zusammen Tomatistan an die Hand bekommen …

Nun befand sich aber ein Holzknecht und sein Gewerk genau an einer Stelle, an der der Hofnarr schaufeln lassen wollte. Irgendwie hing es zusammen mit einer zusätzlichen Feuerstätte oder mit dem Bau des königlichen Gewächshauses oder mit der Zufahrt zu demselben ..
Die Barden und Bänkelsänger erzählen sich am Lagerfeuer, der Holzknecht habe den Hofnarren überhaupt nicht witzig gefunden, was wiederum der Hofnar nicht witzig fand, und als der Hofnarr herausfand, dass der Sonnenwinkelkönig dem Holzknecht die Nutzung der Stelle nur mündlich erlaubt hatte, und er, der Hofnarr, wusste, dass Leute, die man an der Hand hat, sich an manche Dinge erinnern können und an manche nicht, und weil es nicht nur im Märchen vorkommt, dass der Schwanz mit dem Hund wedelt, wurde der Ritter Mietmaul tätig, dem der Holzknecht dann auch noch die Silberlinge bezahlen musste, wodurch der Hofnarr endlich auch mal über einen anderen lachen konnte, was aber voreilig gewesen sein könnte, denn nicht nur im Märchen lacht immer der am besten, der zuletzt lacht …

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Dem Sonnenwinkelkönig ging das alles voll am Arsch vorbei, denn spätestens im Herbst würde sich der Nebel des Vergessens über die Sache legen und darüber würde die Sonne seiner Heldentaten strahlen, denn er war ein König für Alle und für alle Fälle.
Dann könnte er sich wieder mit den angenehmen Dingen im Leben eines Königs beschäftigen, und so wie den Sonnenkönig aus Frankreich interessierte es auch ihn nicht die Bohne, dass sich Untertanen im Nebel des Vergessens über Wasser halten müssen und mit ihren Steuern auch noch ihn und seine Aktionen, die seinen Ruhm über dem Nebel des Vergessens halten sollen …
Die Historiker haben viele Paralellen zwischen dem Sonnenkönig und dem Sonnenwinkelkönig herausgefunden :

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Leider gehen auch die schönsten Machtspiele eine Tages vorbei und der Sonnenwinkelkönig wurde mit einem grandiosen Feuerwerk in den Ruhestand verabschiedet. Der ganze Himmel war feuerrot, und tausende kleiner Sonnen verglühten mit einem Höllenlärm und in ganz Tomatistan roch es nach Pulver und Schwefel, so dass die Untertanen dachten, dass jetzt die Hunnen und die Osmanen und die Araber gleichzeitig die Stadt erstürmen. Aber das machten sie erst ein paar Jahre später, nachdem die Unterkunft fertig war, die der Sonnenwinkelkönig für sie errichten liess.

Zur Abdankung des Königs verfassten seine Schreibknechte ein Pamphlet und liessen es an alle Untertanen verteilen. Die Freude war gross, denn alle wussten, dass jetzt die Zeit des Sonnenwinkelkönigs endgültig vorbei war, und die Untertanen hätten sogar eine Fledermaus zum neuen König gewählt, nur um nicht noch einmal acht Jahre lang von einer Sonne geblendet zu werden. Aber dass es nach dem Regen und nach der Traufe nicht mehr weiter geht ist 1. ein Märchen und 2. heute nicht das Thema …

Dankbarkeit ist eine Eigenschaft, die jedem zur Ehre gereicht, und die Barden erzählen sich am Lagerfeuer, dass der Holzknecht, obwohl er jahrzehntelang gute Dienste für Tomatistan geleistet hatte, nur deshalb keine Dankbarkeit zu spüren bekam und verschwinden musste, weil er keinen an der Hand hatte und keiner ihn, was aber tausendmal besser sei, als eines Tages etwas in eine ehrlose geöffnete Hand legen zu müssen, die sich einem entgegen steckt …

Und so begab es sich eines Tages, dass sich der Sonnenwinkelkönig und der Hofnarr im Schloss begegneten, weil das Schloss nach acht Jahren Sonnenwinkelkönig zusammengerammelt war wie ein Sofa im Swingerclub und saniert werden musste. Der Hofnarr sprach zum Sonnenwinkelkönig :

„O König, du warst mein Herr und Gebieter, und trotzdem hast du mich damals vor Gericht gedeckt und dafür deine Ehre geopfert. Ich bin dir zu Dankbarkeit verpflichtet und deshalb habe ich für dich schon mal ein Mausoleum geplant, denn auch du wirst dereinst den Weg allen Fleisches gehen. Ganz oben in der Grabkammer wirst du und dein Ruhm ruhen, weit über dem Nebel des Vergessens und möglichst nahe an der Sonne. Ich habe deine Grabstätte direkt neben die Tamoil-Station geplant, damit du es nicht so weit zum Cigarillos holen hast. Ein Fussgängerüberweg ist nicht dabei. Sonst wäre es zu teuer geworden. Du weisst doch, dass ich Kosten vermeide wo immer es nur geht. Pass halt auf dass sie dich nicht über den Haufen fahren. Der Untertanenrat hat dem Vorhaben und meinem vorläufigen Kostenvoranschlag von 150 Milionen Silberlingen einstimmig in der Geschlossenen zugestimmt “

 

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Und weil der Sonnenwinkelkönig wie auch der Ritter Mietmaul immer Freunde der schönen Künste waren und Künstler förderten, wo immer es nur ging, hat ein Künstler schon mal eine angemessene Totenmaske für den Sonnenwinkelkönig entworfen :

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Heute wird das Bauwerk überall nur „das Norberteum“ genannt, und jeder Reisende, der an der Tamoil-Station im Sonnenwinkel vorbei kommt, weiss :

Wenn sie gestorben sind, dann ruhen dort einmal ganz oben der Sonnenwinkelkönig und im Stockwerk darunter der Hofnarr, denn wer im Diesseits als Einzelner klein und erbärmlich war und nur im Verbund und wegen seiner königlichen Befugnisse als Vasall bestehen konnte, der will auch im Jenseits nicht auf diese Vorteile verzichten

Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute …

 

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