Das verrückte Gehirn

29.09.2017

Das verrückte Gehirn

Natürlich wurde schon qualitativ hochwertige Literatur produziert, lange bevor es Internetseiten gab.
Davon wurde ich neulich auf einem Flohmarkt überzeugt. Eigentlich wollte ich nur ein antiquarisches Buch über Holzbearbeitungsmaschinen kaufen. Der Verkäufer wollte 10 € dafür haben, aber die Verhandlung endete mit einem Vergleich, dass ich 3 € bezahle und zusätzlich einen Stapel Groschenromane erhalte.

Diese Hefte wollte ich im Winter zum Anheizen verwenden. Allerdings ist mir dann noch rechtzeitig eingefallen, dass das Verbrennen von Literatur oder das Hacken von Internetseiten schon immer den Anfang vom Ende der Zivilisation eingeleitet hat. Deshalb habe ich mal an einem verregneten Sonntagmittag eines dieser Heftchen geschnappt und habe es gelesen, und ich muss sagen, ich bin restlos begeistert …

Der Autor von „Das verrückte Gehirn“ erzählt eine ziemlich komplexe Geschichte, die sich über mehrere Jahrtausende erstreckt. Irgendwie ist er auf dem Esotheriker-Trip und geht wohl davon aus, dass es Wiedergeburten auf verschiedenen Planeten gibt, was der Spannung aber keinerlei Abbruch tut. Dieser Science-Fiction Roman befasst sich im Gegensatz zu vielen anderen Science-Fiction Romanen nicht nur mit der Zukunft, sondern auch mit der Vergangenheit und einem kurzen Moment der Gegenwart.

Der Hauptprotagonist hat weder einen Namen noch eine Nummer. Er wird immer nur als „das verrückte Gehirn“ bezeichnet. Es wird nie so richtig klar, ob es sich um einen Mensch oder einen Alien oder einen Zombie oder sonst eine Entität oder Wesenheit handelt. Am meisten fasziniert mich an dem Roman aber der fast schon atemberaubende Bezug zur Realität …

Ich will mal einen kurzen Abriss der Handlung geben :

Die Geschichte beginnt vor etwa 2000 Jahren, als der Teufel bemerkt hatte, dass sich sein Gegenspieler auf der Erde inkarniert hat. Da musste er natürlich etwas unternehmen und hat das verrückte Gehirn als einen seiner besten Mitarbeiter zur Erde geschickt. Das verrückte Gehirn und der Gegenspieler trafen dann auch aufeinander. Das verrückte Gehirn hat ihn für 30 Silberlinge verraten, woraufhin der Gegenspieler ans Kreuz genagelt wurde. Aber diese Geschichte ist ja von einem anderen Science-Fiction Roman her bekannt …

Weniger bekannt ist, wie es danach mit dem verrückten Gehirn weiter ging. Schon bei den alten Römern waren Bestechung und Korruption wenig beliebt, weshalb die Römer das verrückte Gehirn einkassierten und nach Rom brachten, um es im Kolloseum den Tigern zum Fraß vorzuwerfen oder für Gladiatorenkämpfe zu verwenden.

Das verrückte Gehirn wurde zu einem Vorstellungsgespräch bei Julius Cäsar und den Senatoren geladen. Als Cäsar das verrückte Gehirn sah, dachte er bei sich :  gegen wen soll dieses schmächtige Männlein kämpfen und welchen Tiger sollte es satt machen ?   Als das verrückte Gehirn merkte, dass es um seinen Hals ging, begann er zu schwätzen und Cäsar in den Arsch zu kriechen. Das konnte das verrückte Gehirn schon immer besonders gut.

„O Cäsar, ich bin ein begnadeter Bauunternehmer, sozusagen geboren um zu bauen, und mir ist eine Idee gekommen, die deinen und meinen Ruhm noch vermehren könnte. Es ist doch langweilig, wenn die Tiger durch eine Tür ins Kolloseum kommen. Lass uns einen unterirdischen Tunnel vom Tigergehege in die Arena bauen !  Wenn die Tiger plötzlich mitten in der Arena erscheinen, ist der Effekt doch viel grösser“

Nun war Cäsar gegenüber Showeffekten nicht abgeneigt und er liess das verrückte Gehirn gewähren. Er stellte ihm sogar einen Bautrupp Sklaven zur Verfügung, denn das verrückte Gehirn war zu schmächtig, um zu selber schaufeln. Der Bautrupp begann genau in der Mitte des Kolloseums mit dem Tunnel. Das verrückte Gehirn hatte alles genau geplant und ausgerechnet. Es lief den ganzen Tag mit dem Zollstock auf der Baustelle rum und sagte :  hier noch einen Zentimeter nach rechts oder hier noch einen Zentimeter tiefer etc.

Es dauerte zwar dreimal so lange wie geplant, aber eines Tages war der Tunnel bis genau unter die Mitte des Tigergeheges fertig gegraben. Es fehlten nur noch wenige Zentimeter zum Durchbruch. Das verrückte Gehirn schickte den Bautrupp zurück ins Kolloseum, denn es sollte sein grosser Tag werden. Es hatte für 10 Uhr einen Reporter des „Südkurier“ bestellt, damit er ein Foto macht, wie es aus dem Tunnel ins Gehege steigt. Das verrückte Gehirn war gegenüber Showeffekten auch nicht abgeneigt …

Also machte er Punkt 10 Uhr den Durchbruch und stieg in das Tigergehege. Aber da war kein Reporter. Da waren nur 20 Tiger. Das verrückte Gehirn hatte bei seinen Planungen doch glatt die Tiger vergessen …

Die Tiger haben das verrückte Gehirn mit Haut unnd Haaren aufgefressen. Was hätten sie auch anderes machen sollen …

Der Teufel  aber war nicht unzufrieden, als das verrückte Gehirn nach seinem Einsatz wieder in der Hölle erschien. Trotzdem beschloss er, das verrückte Gehirn erst mal eine Qualifizierungsmaßnahme durchlaufen zu lassen. Nach 1000 Jahren Abendstudium in der Hölle hatte das verrückte Gehirn dann endlich seinen Master of Desaster in der Tasche und war fit genug für seinen nächsten Einsatz.

Diesmal ging es zum Mars. Dem verrückten Gehirn war es gelungen, Marsbaumeister zu werden und den Marsmännchenrat davon zu überzeugen, dass der Mars ein Alleinstellungsmerkmal brauche, um im Universum konkurenzfähig zu bleiben. Dies sei seiner Auffassung nach nur durch die Herstellung von roter Farbe möglich. Der gesamte Kosmos werde in Zukunft seinen Bedarf an roter Farbe vom Mars beziehen. Dazu sei allerdings der Bau einer Lackfabrik von entsprechender Grösse nötig.

Nachdem der Marsmännchenrat einstimmig und in nichtöffentlicher Sitzung auch dafür war, wurde mit dem Bau begonnen. Das Auffangbecken für die hergestellte rote Farbe war so groß, dass man mit seinem Inhalt den ganzen Mars hätte rot anstreichen können. Ein Rohr mit 5m Durchmesser sollte die Farbe von der Fabrik in das Becken leiten. Am Tag der Einweihung drückte das verrückte Gehirn persönlich den roten Knopf, um die Produktion zu starten.

Seitdem heisst der Mars „der rote Planet“. Das verrückte Gehirn hatte das Rohr zu kurz geplant, so dass die Farbe nicht in das Auffangbecken floss, sondern sich über den ganzen Mars verteilte. Daraufhin haben sich die Marsmännchen grün geärgert und das verrückte Gehirn mit einer Rakete zum Mond geschossen ..

Bekanntlich hat der Mars keine Monde, weshalb es sich um einen Mond der Erde gehandelt haben muss.
Hierzu stellt der Autor eine interessante Hypothese auf : er behauptet, dass die Erde damals 2 Monde gehabt hat. Die moderne Wissenschaft schliesst das nicht völlig aus. Wie dem auch sei, der Roman erzählt, dass der Mann im Mond ein ziemlich dementer Tattergreis gewesen ist, weshalb es dem verrückten Gehirn gelingen konnte, zum Mondbaumeister aufzusteigen.

Bei einer seiner Geistesfinsternisse hatte der Mann im Mond dem verrückten Gehirn mal erzählt, dass sich im Innern des Mondes ein riesiger See aus Benzin befindet. Man müsse nur tief genug graben, um dorthin zu gelangen. Es war klar, wie es dann weiter ging :  „O Mann im Mond, ich bin ein begnadeter Bauunternehmer, sozusagen geboren um zu graben. Gib mir Geld und einen Grabungstrupp, und in Zukunft werden alle Raumschiffe des Universums am Mond andocken, um zu tanken. Mit den Einnahmen können wir den ganzen Mond mit Blumenkübeln voll stellen. Dann ist es vorbei mit deinem grauen Alltag“

Der Mann im Mond hatte tatsächlich einen Schatten und irgendwie war ihm alles egal. Das verrückte Gehirn bekam genug Geld und Arbeiter und fing sofort an zu graben, und tatsächlich :  schon 30m unter der Mondkruste stiessen sie auf einen gigantischen See aus Benzin. Der komplette Mond schien im Innern aus Benzin zu bestehen. Das verrückte Gehirn liess eine Plattform bauen, denn er wollte das Projekt unbedingt der Presse vorstellen. Dazu bestellte er bei der „Badischen Zeitung“ einen Reporter für den nächsten Tag um 10 Uhr.

Punkt 10 Uhr war der Reporter da. Das verrückte Gehirn begrüsste ihn auf der Mondoberfläche und sagte, sie würden sich jetzt zum See hinab begeben, wo er, der Reporter, sein blaues Wunderle erleben werde. Als sie unten auf der Plattform angekommen waren, sagte der Reporter, dass es ziemlich intensiv nach Benzin riecht und dass er lieber kein Foto machen werde, denn er befürchte, wenn er den Auslöser der Kamera betätige, könnte dies einen Funken auslösen, welcher wiederum eine Explosion auslösen könnte.

Das verrückte Gehirn lachte und sagte, es könne überhaupt nix passieren, denn er wäre nicht nur der Planer, sondern auch der Sicherheitsbauftragte von diesem Projekt. In dem Moment sah das verrückte Gehirn etwas wie ein Seil auf dem Boden der Plattform rum liegen. Es fing an herum zu toben und die Arbeiter zusammen zu scheissen. Auf seinen Baustellen herrsche verdammt nochmal Ordnung, er werde keine Sauerei dulden, schon gar nicht, wenn ein Pressefritze mit dabei ist. Nicht auszudenken, wenn jemand über das Seil gestolpert wäre und sich verletzt hätte. Dann begann er, an dem Seil zu ziehen, um die Ordnung wiederherzustellen. Doch auf einmal wurde es stockdunkel.

Das verrückte Gehirn hatte das Kabel für die Beleuchtung abgerissen. Unter der Mondoberfläche ist es nun mal genauso wie unter der Erdoberfläche ohne künstliche Beleuchtung stockdunkel. Aber ein verrücktes Gehirn ist kein Gehirn, dass sich so leicht aus der Ruhe bringen lässt. Es wusste genau, dass es eine Notbeleuchtung mit eingeplant hatte und dass es nur den roten Knopf auf der Schalttafel drücken musste, die sich 5m rechts von ihm befand, damit sich die Notbeleuchtung einschaltet es wieder hell wird.

Und es wusste genau, dass es ein Feuerzeug im Hosensack hat, und weil das verrückte Gehirn ein Genie war, konnte es in Sekundenbruchteilen ausrechnen, dass eine Feuerzeugflamme mit 2 cm Länge ausreicht, um eine Helligkeit von 600 Lumen zu erzeugen, die ein Auge benötigt, um in 5m Entfernung einen roten Knopf erkennen zu können. Also hat das verrückte Gehirn das Feuerzeug aus dem Hosensack geholt und …

Seitdem hat die Erde nur noch einen Mond. Die Überreste des zweiten Mondes sausen heute als Asteroiden durch den Orbit.
Aber der Teufel war nicht unzufrieden, als das verrückte Gehirn wieder in der Hölle erschien. Er liess das verrückte Gehirn vorsichtshalber 1000 Jahre abkühlen, denn es war im wahrsten Sinne des Wortes ein verdammt heisser Einsatz gewesen …

Der Autor des Romans macht überall Andeutungen, dass der Teufel eigentlich einen sucht, der eines Tages auf der Erde den roten Knopf drückt, um sie kaputt zu machen, denn er kann Menschen offensichtlich überhaupt nicht leiden. Zu diesem Zweck schickte er dann aber nicht das verrückte Gehirn zur Erde, sondern erst mal dessen schnauzbärtige Variante. Trotz Panzerschlachten und Gaskammern gelang es dem aber nicht, die Erde auszulöschen. Deshalb musste das verrückte Gehirn wieder ran …

Es schaffte sich zunächst mal warm, indem es zwei Baufirmen ruinierte. Gemäß dem auf der Erde geltendem Prinzip der Negativauslese qualifizierte es sich damit für höhere Aufgaben. Das verrückte Gehirn trat im Rahmen einer Stellenausschreibung vor einem Gemeinderat samt Bürgermeister auf : „ich bin ein begnadeter Bauunternehmer, sozusagen beboren um zu bauen etc.“ .  Geschichte wiederholt sich eben immer wieder, und deshalb kam es, wie es kommen musste. Das verrückte Gehirn hat heisses Wasser durch unterirdische Rohre gepumpt, um es abzukühlen, einen Wertstoffhof und Blockheizkraftwerke mitten in die Stadt geplant und das Rathaus saniert, bis die Stadt hoffnungslos überschuldet war.

Das ist der Moment, wo der Roman von der Vergangenheit in die Zukunft wechselt. Von da an geht es richtig ab …

Die Ratten haben sich im Wertstoffhof so sehr vermehrt, dass sie den Stadtbewohnern am hellichten Tag die Hosenbeine wegfressen. Die Bewohner müssen ihre Möbel zu den Heizkraftwerken bringen, damit das Wasser aufgeheizt werden kann. Das verrückte Gehirn hat noch zusätzlich ehrenamtlich die Planungen für ein Tigergehege übernommen und dabei ein Zaunelement vergessen.

An einem kalten Wintertag sind alle Tiger aus dem Gehege ausgebrochen und haben sich um ein Blockheizkraftwerk herum versammelt, denn in dessen Abwärme war es noch einigermaßen zum aushalten. Das verrückte Gehirn hat es vom Fenster des Stadtbauamtes aus beobachtet, und weil es ein Genie ist, ist ihm die Idee gekommen, dass die Tiger wieder verschwinden werden, wenn er das Heizkraftwerk abschaltet, denn dann ist ja auch die Abwärme weg. Also hat er auf der Schalttafel im Stadtbauamt auf den roten Knopf gedrückt …

Aber es passiert nix. Das verrückte Gehirn drückt wie ein Verrückter auf den roten Knopf, aber es passiert nix.
Irgendwann fängt es an, den Knopf nach rechts zu drehen und

Woher hätte das verrückte Gehirn auch den Unterschied zwischen einem Druckschalter und einem Spannungsregler kennen sollen ?  Dazu hätte es ja Dipl.-Ing (FH) für Elektrotechnik sein müssen …

Bei der Explosion hat es sämtliche Tiger bis in die Stratosphäre hinauf gepustet. Immerhin hat das verrückte Gehirn mit dieser Aktion sein Karma mit den Tigern aufgelöst …

Die Stadtbewohner waren verständlicherweise wenig begeistert und haben das verrückte Gehirn gemäß dem geltenden Prinzip zur EU-Kommission geschickt.

Von da an wird der Roman richtig heftig. Man bekommt Schweissausbrüche beim Lesen. Es ist Horror und Grusel und Science-Fiction in Einem. Es raubt einem den Schlaf. Ich kann es hier gar nicht berichten, weil möglicherweise Frauen und Kinder mitlesen …

Aber ich bin gerne bereit, das Heftchen gegen eine Gebühr auszuleihen. Bis hierher war es kostenlos, aber gute Unterhaltung hat eben ihren Preis. Ich musste ja auch was dafür bezahlen.

Übrigens sind die anderen Heftchen vom Flohmarkt auch nicht schlecht

Ich werde sie hier nach und nach vorstellen …

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